Nach einer überstandenen Krebserkrankung beginnt für viele Betroffene eine neue Phase des Lebens – die Rehabilitation. Der Körper hat eine enorme Belastung hinter sich, Muskeln sind geschwächt, die Ausdauer fehlt, und häufig bleibt eine tiefe Erschöpfung zurück: das sogenannte Fatigue-Syndrom. Gerade diese anhaltende Müdigkeit, die nicht durch Schlaf oder Ruhe verschwindet, ist für viele Patientinnen und Patienten eines der größten Probleme nach einer Tumortherapie.
Viele fragen sich: Wie kann ich wieder zu Kräften kommen, ohne meinen Körper zu überfordern? Eine mögliche Antwort liefert das EMS-Training – die Elektro-Muskel-Stimulation. Sie aktiviert gezielt Muskulatur, auch wenn die eigene Kraft oder Motivation noch gering ist. Doch gerade in der Onkologie gilt: weniger ist mehr – und Sicherheit geht vor.
Was sagt die aktuelle Forschung?
In den letzten Jahren hat sich viel getan. Früher galt: „Krebs = kein EMS“. Heute wissen wir – dank neuer Studien aus Köln und Erlangen –, dass ein sanft dosiertes EMS-Training in der Rehabilitation nach einer Tumorerkrankung sinnvoll sein kann, wenn es richtig durchgeführt wird.
Eine Studie der Universitätsklinik Köln (2025) untersuchte den Einsatz von Ganzkörper-EMS bei Patientinnen und Patienten nach einer Krebsbehandlung. Bereits ein kurzes, zweiwöchiges Programm führte zu spürbaren Verbesserungen der Muskelkraft und Belastbarkeit, ohne dass Nebenwirkungen auftraten. Besonders interessant: Viele Teilnehmende berichteten, dass sie sich weniger erschöpft fühlten und ihre Bewegungen wieder leichter fielen.
Auch Forschende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg bestätigen, dass EMS eine sichere und wirksame Methode für Menschen sein kann, die konventionelles Training nicht mehr schaffen – etwa aufgrund von Fatigue, Muskelschwund oder Bewegungseinschränkungen. EMS aktiviert Muskeln mit sehr geringer Gelenkbelastung und fördert so Durchblutung, Kraft und Stabilität, ohne den Körper zu überfordern.
Was hat sich seit 2024 geändert?
Basierend auf diesen Erkenntnissen wurde 2024 die Bewertung der Kontraindikationen überarbeitet. Nicht mehr jede Krebserkrankung bedeutet automatisch ein Verbot für EMS-Training. Stattdessen gilt heute eine differenzierte Empfehlung:
- Während der aktiven Therapiephase (Chemotherapie, Bestrahlung, OP-Nachsorge): Kein EMS-Training! Der Körper braucht Ruhe und Regeneration.
- In der Rehabilitationsphase (nach ärztlicher Freigabe): EMS kann unter streng medizinischer Aufsicht in einem 1:1-Setting eingesetzt werden – dosiert, kurz und individuell abgestimmt.
- Nach abgeschlossener Rehabilitation: EMS-Training kann – mit ärztlicher Freigabe – bei qualifizierten Anbietern fortgesetzt werden, um Kraft, Haltung und Lebensqualität langfristig zu stabilisieren.
Diese neue Bewertung hilft vielen Betroffenen, den Weg zurück in Bewegung zu finden – sicher, kontrolliert und mit realistischem Tempo.
Das richtige Maß: Dosierung ist entscheidend
Bei onkologischen Patientinnen und Patienten ist EMS kein Leistungstraining, sondern eine sanfte Aktivierung. Das bedeutet:
- Niedrige Impulsintensität – kein Brennen oder Schmerzgefühl.
- Kurze Einheiten – ca. 15 bis 20 Minuten, einmal pro Woche.
- Lange Erholungspausen – mindestens 5 Tage zwischen den Trainings.
- Engmaschige Beobachtung durch medizinisches Fachpersonal.
Ziel ist nicht Muskelaufbau in Rekordzeit, sondern die Rückgewinnung von Lebensqualität – Schritt für Schritt.
Warum EMS bei Fatigue helfen kann
Fatigue ist eine der häufigsten und belastendsten Spätfolgen einer Krebserkrankung. Bewegung ist eines der wirksamsten Mittel dagegen – aber vielen fällt sie schwer. Hier kann EMS ansetzen: Die sanften elektrischen Impulse unterstützen die Muskulatur, ohne dass große Anstrengung nötig ist. Dadurch wird der Stoffwechsel angeregt, die Durchblutung verbessert und der Körper aktiviert – ein Effekt, der vielen Betroffenen hilft, wieder in Bewegung zu kommen, ohne sich zu überlasten.
Studien zeigen: Selbst kleine Reize können den Kreislauf in Schwung bringen, den Schlaf verbessern und das Gefühl der Kontrolle über den eigenen Körper zurückgeben – ein entscheidender Schritt für das seelische Wohlbefinden nach der Krankheit.
Fazit
EMS-Training kann für Menschen nach einer Tumorerkrankung ein wichtiger Baustein auf dem Weg zurück ins Leben sein – aber nur unter bestimmten Bedingungen. Während der akuten Therapie ist EMS tabu. In der Rehabilitation sollte es nur unter Aufsicht von medizinischem Fachpersonal im 1:1-Setting erfolgen. Nach Abschluss der Reha, mit ärztlicher Freigabe, kann das Training bei qualifizierten Anbietern fortgeführt werden – dosiert, achtsam und mit Fokus auf Wohlbefinden statt Leistung.
Die Forschung zeigt: Mit der richtigen Begleitung kann EMS helfen, Fatigue zu lindern, Kraft aufzubauen und wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen. Ein Schritt, der Mut macht – und beweist: Bewegung bleibt Heilung.
