Immer mehr Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen möchten aktiv etwas für ihre Gesundheit tun. Doch gerade hier ist Vorsicht geboten. Elektro-Muskel-Stimulation (EMS) kann eine gelenkschonende, zeiteffiziente und individuell steuerbare Trainingsmethode sein – vorausgesetzt, sie wird medizinisch freigegeben und professionell betreut. Studien belegen, dass moderat dosiertes EMS-Training auch bei Herz-Kreislauf-Patienten zu messbaren Leistungssteigerungen führen kann.
Was passiert beim EMS-Training?
Beim Ganzkörper-EMS-Training werden elektrische Impulse über spezielle Elektroden an die Muskulatur weitergeleitet. Diese Impulse aktivieren gleichzeitig mehrere Muskelgruppen und intensivieren die natürlichen Kontraktionen. Das führt zu einem effektiven Ganzkörpertraining, das bereits bei geringer Belastungsdauer den Stoffwechsel anregt und die Durchblutung fördert. Für Menschen mit eingeschränkter Belastbarkeit kann EMS daher eine sinnvolle Ergänzung zur klassischen Bewegungstherapie sein.
Wann ist EMS bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen möglich?
Bei stabilen, ärztlich kontrollierten Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. gut eingestelltem Bluthochdruck, kompensierter Herzinsuffizienz NYHA I–II oder nach einer Reha-Maßnahme) kann EMS-Training unter Aufsicht eines qualifizierten Trainers sicher durchgeführt werden. Die Trainingsintensität wird individuell angepasst, um den Kreislauf nicht zu überlasten.
Eine klinische Untersuchung am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen (Bad Oeynhausen) zeigte, dass ein sechsmonatiges Ganzkörper-EMS-Training bei herzinsuffizienten Patienten deutliche Verbesserungen bewirkte:
- Die Sauerstoffaufnahme an der anaeroben Schwelle stieg um bis zu 96 %.
- Die Muskelmasse nahm um durchschnittlich 5–14 % zu.
- Der Blutdruck sank signifikant, die Herzfrequenz blieb stabil.
- Alle Teilnehmenden bewerteten ihre körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität als verbessert.
Diese Ergebnisse verdeutlichen das Potenzial von EMS, selbst bei kardiologisch eingeschränkten Menschen positive Anpassungsprozesse zu fördern – immer vorausgesetzt, das Training erfolgt unter medizinischer Kontrolle.
Auch eine aktuelle Studie der Mayo Clinic (USA, 2022) zeigte positive Effekte auf den Herz-Kreislauf-Stoffwechsel: Schon 16 Wochen Training mit moderatem WB-EMS führten bei gesunden Erwachsenen zu verbesserter Gefäßfunktion, gesteigerter anaerober Leistungsfähigkeit (+68 %) und reduzierten Cholesterinwerten – deutlich stärker als bei klassischem Fitnesstraining.
Wann ist EMS-Training nicht erlaubt?
Nach der DIN 33961-5 und den internationalen Sicherheitsrichtlinien für Ganzkörper-EMS gilt: Bestimmte Vorerkrankungen schließen ein Training aus.
Absolute Kontraindikationen (Training verboten):
- Herzschrittmacher oder implantierter Defibrillator
- Akute Herzrhythmusstörungen oder instabile Angina pectoris
- Unbehandelter Bluthochdruck
- Akute Herzinsuffizienz oder kürzlicher Herzinfarkt (< 6 Monate)
- Schwangerschaft
- Akute Thrombosen, Infektionen oder Operationen
Relative Kontraindikationen (Training nur nach ärztlicher Freigabe):
- Implantate (älter als 6 Monate)
- Medikamentös eingestellter Bluthochdruck
Wie sieht ein sicheres Training aus?
Ein verantwortungsbewusster EMS-Anbieter führt vor Trainingsbeginn eine ausführliche Anamnese durch und fordert bei bestehenden Erkrankungen eine ärztliche Freigabe. Während des Trainings wird die Belastung individuell über die Impulsintensität gesteuert, sodass Überlastungen vermieden werden.
Grundprinzipien für sicheres Training:
- Betreuungsschlüssel: maximal 2:1 (Trainer:Teilnehmer)
- Trainingsfrequenz: höchstens 1–2 Einheiten pro Woche
- Regeneration: mindestens 5 Tage Pause zwischen den Einheiten
- Kein Heimtraining – EMS darf nur unter professioneller Aufsicht erfolgen
Welche positiven Effekte sind möglich?
Unter kontrollierten Bedingungen kann EMS helfen, die Muskulatur zu stärken, die Durchblutung zu fördern und den Stoffwechsel zu verbessern. Gerade bei Personen, die sich nur eingeschränkt bewegen können, kann es den Einstieg in regelmäßige körperliche Aktivität erleichtern. Studien deuten zudem darauf hin, dass EMS die Blutzucker- und Cholesterinwerte positiv beeinflusst und zur Reduktion von Blutdruck und Körperfett beitragen kann.
Damit ist EMS – richtig angewendet – eine wertvolle Ergänzung in der kardiologischen Prävention und Rehabilitation, jedoch kein Ersatz für ärztlich verordnete Bewegungstherapien. Die ärztliche Begleitung bleibt immer Voraussetzung.
Fazit
EMS-Training kann für Herz-Kreislauf-Patienten sicher und wirksam sein – wenn es richtig dosiert und medizinisch überwacht wird. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen deutliche Leistungssteigerungen, stabile Herzfrequenzen und verbesserte Blutdruckwerte. Entscheidend sind die individuelle Belastungssteuerung, die fachkundige Betreuung und eine klare ärztliche Freigabe. Nur dann kann das Training seine gesundheitlichen Vorteile voll entfalten.
Wichtige Hinweise
- EMS ist nicht für das Training zuhause geeignet.
- Training darf nur unter professioneller Aufsicht (max. 2:1) erfolgen.
- Zwischen zwei Einheiten müssen mindestens 5 Tage Pause liegen.
- Bei jeglichen Herz-Kreislauf-Beschwerden ist eine ärztliche Freigabe zwingend erforderlich.
